A Complete Unknown © The Walt Disney Company
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Bob Dylan-Biopic - "Like A Complete Unknown"

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Nach "Walk the Line" über den Country-Sänger Johnny Cash hat sich der amerikanische Regisseur James Mangold jetzt eine weitere Ikone der amerikanischen Popkultur vorgenommen. In "Like A Complete Unknown", der gerade auf der Berlinale Deutschland-Premiere gefeiert hat, geht es um Bob Dylan. Über den gibt es schon eine ganze Reihe von Filmen - angefangen mit der legendären Dokumentation "Don’t Look Back" (1967) von D.A. Pennebaker bis hin zum bahnbrechenden Spielfilm "I’m Not There" (2007), in dem Todd Haynes den Folk-Poeten von gleich sechs verschiedenen Schauspiel:innen einkreisen ließ. Nun läuft also "Like A Complete Unknown" in unseren Kinos an.

"Like A Complete Unknown" klinkt sich 1961 ein, als Bob Dylan noch ein junges Landei aus Minnesota war, wie der Titel sagt: ein völlig unbekannter Singer-Songwriter, der mit Rucksack und Gitarrenkoffer in New York ankommt, um sein großes Vorbild Woody Guthrie in einem trostlosen Krankenzimmer in New Jersey zu besuchen.

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Gestern trifft auf morgen

Guthrie leidet seit Jahren an der Nervenkrankheit Chorea Huntington, kann sich nur noch durch Laute und Klopfen verständigen, sein Freund, der Musiker und Aktivist Pete Seeger (großartig gespielt von Edward Norton) ist bei ihm, und die beiden hören und staunen, wie dieser schlaksige, damals gerade 20-jährige Junge seine ganze Seele in einen Song für Woody Guthrie legt. In den Gesichtern der beiden renommierten Folk-Musiker sieht man diese Mischung aus Staunen, Bewunderung und dem schmerzlichen Wissen, dass sie hier ihre Ablösung vor sich haben. Ein paar Monate später kündigt Seeger Bob Dylan dann auf einer kleinen New Yorker Bühne als Zukunft der Folkmusik an.

Ein legendärer Moment in der Musikgeschichte

Von da ausgehend rollt der Film die frühen, formativen Jahre von Dylan auf - von den kleinen Kneipenbühnen zu den großen Konzertsälen, mit dem Aufbruch in der Bürgerrechtsbewegung bis zum legendären Streit 1965 um seinen Auftritt auf dem Newport Folk Festival, wo er den Verrat an der Folk-Tradition begeht: statt mit Gitarre und Mundharmonika spielt er mit seiner Band raue Rock'n'Roll-Riffs auf der E-Gitarre, schockierte Veranstalter und Fans gleichermaßen mit seiner eigenwillig innovativen Mischung aus Folk, Rock, Blues und Gospel. Im Film ist das ein irrer Moment, wenn die damals schon alles verschlingende Vergötterung Dylans in wütende Empörung umschlägt, dieser sich aber kompromisslos und unbeirrt gegen die Erwartungen sperrt und seinen eigenen Weg geht, wie er es ein Leben lang tat.

Ein Leben in Liedern

Nachdem Todd Haynes in seinem Film "I‘m Not There" sechs verschiedene Schauspieler brauchte, um die quecksilbrige Persönlichkeit von Bob Dylan wie ein Puzzle zusammenzusetzen, trägt Timothée Chalamet jetzt das ganze Gewicht allein auf seinen schmalen Schultern. In den letzten acht Jahren hat er eine unfassbare Rollenbandbreite gezeigt - angefangen mit Luca Guadagninos "Call me by your Name", einer aufwühlend-berührenden schwulen Liebesgeschichte in einem italienischen Sommer, bis zum Schokoladenträumer in "Wonka", gerade noch ist er in "Dune 2" auf gigantischen Sandwürmern geritten, parallel hat er sich fünfeinhalb Jahre intensiv darauf vorbereitet, Dylan zu spielen und überzeugend zu singen, mit dieser noch etwas unsicher kratzigen Stimme der frühen Jahre, in 13 Songs - unter anderem "Mr. Tambourine Man", "House of the Rising Sun" und "Blowin‘ in the Wind" - quasi ein "Best of" der frühen Jahre, eine Songperlenkette, an der entlang dieses Leben zwischen Liebe, Ruhm und Aktivismus in Liedern erzählt wird.

Brückenschlag zur Gegenwart

Gerade noch war Timothée Chalamet auf dem Roten Teppich und in der Pressekonferenz der Berlinale zu sehen, wo er die sperrige Muffigkeit von Dylan mit all den verdrucksten Gesten und Manierismen schon wieder abgelegt hatte und vor allem wie ein ernsthafter Schauspieler mit sehr jungenhafter Ausstrahlung und großer Demut vor der Rolle seines knapp 30-jährigen Lebens wirkte: Timothée Chalamet könne er ja schließlich noch sein ganzes Leben sein, hat er dem Rolling Stone zu Protokoll gegeben - und in Berlin alle Fragen zu Dylan abgewehrt. Da müsse man ihn schon selber fragen, der lebe ja schließlich noch.

Es ist ein genialer Besetzungs-Coup, einen Teenie-Schwarm von heute die Boomer-Ikone von damals spielen zu lassen, denn damit wird die Folkmusik auch für die rebellisch-wütende Jugend von heute zugänglich und relevant. Das im Januar veröffentlichte Soundtrack-Album mit den von Chalamet gesungenen Dylan-Songs steht derzeit auf Platz 5 der amerikanischen Charts.

Nachdem Chalamet trotz harter Konkurrenz - unter anderem von Adrien Brody in "The Brutalist" und Ralph Fiennes in "Konklave" - bereits den britischen BAFTA und den von Kinoschauspielern vergebenen SAG Award holen konnte, hat er nun auch gute Chancen, am Sonntag den Oscar zu gewinnen.

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Authentisches Zeitkolorit

Der Film spielt im New York der frühen 60er Jahre, Regisseur James Mangold wurde 1963 dort geboren und hat diese Zeit liebevoll, sinnlich und authentisch eingefangen - in mythischen Kinobildern mit Lichtreflexen auf regennassen nächtlichen Straßen, in schummrigen Kneipen und Aufnahmestudios und kleinen Wohnungen. Mit dem ganzen Vibe des Aufbruchs und der Rebellion nimmt der Film auch den Puls des New Hollywood auf. Wenn Chalamets Dylan als verlorener, einsamer Junge durch die Straßen läuft, flackern Erinnerungen an De Niros "Taxi Driver" auf, nur dass Dylan nicht mit der Pistole rebelliert, sondern mit Gitarre und Mundharmonika, mit Texten und Musik.

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Musikalisches Genie, menschliche Makel

Um Timothée Chalamet herum hat James Mangold ein hochkarätiges Ensemble-Geflecht aufgebaut, zu dem unter anderem Edward Norton als Pete Seeger, Elle Fanning als fiktionalisierte Version einer realen Studentin und Aktivistin sowie Monica Barbaro als Joan Baez gehören. Beide waren Musen: die eine politisch, die andere musikalisch und sind hier sehr viel mehr als nur schmückendes Beiwerk eines Stars. Anders als viele Pop-Biopics der jüngeren Zeit - wie "Rocket Man" über Elton John oder "Bohemian Rhapsody“" über Freddie Mercury - erlaubt sich "Like A Complete Unknown" eine durchaus kritische Sicht auf seine Hauptfigur, die einhergeht mit einer Aufwertung der Frauen, gegenüber Dylan, dessen Priorität ganz klar die Musik ist, egal welche Frau gerade neben ihm im Bett liegt, während er wie getrieben immer neue Songtexte auf Zettel kritzelt und an seiner Gitarre Melodien entwickelt. Weder hebt James Mangold Bob Dylan aufs Heldenpodest, noch versucht er ihn zu erklären, lässt ihm stattdessen sein Enigma - auch das ist wohl der Grund, dass Dylan den Film großartig findet.

Und dann ist da noch Boyd Holbrook als Johnny Cash, der eine Brücke schlägt zu Mangolds "Walk the Line", in dem Joaquin Phoenix Dylan verkörperte: In der Begegnung zwischen Cash und Dylan kreuzen sich die beiden Filme.

Anke Sterneborg, radio3

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