Blue Moon © Sabrina Lantos / Sony Pictures Classics
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Berlinale | Wettbewerb - "Blue Moon"

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Vor 30 Jahren hat Richard Linklater die Berlinale und die Welt mit "Before Sunrise" verzaubert. Da spazierten Julie Delpy und Ethan Hawke redend und flirtend eine Nacht lang durch Wien. Es folgten noch zwei weitere Begegnungen der beiden verhinderten Liebenden in Paris und in New York, ebenfalls im Wettbewerb der Berlinale. Vor zehn Jahren hat Linklater dann sein Langzeitprojekt "Boyhood" auf der Berlinale vorgestellt und damit zum zweiten Mal den Silbernen Bären gewonnen. Damals spielte Ethan Hawke den Vater eines Jungen, dem man da 12 Jahre lang beim Erwachsenwerden zuschauen konnte. Jetzt sind Linklater und Hawke wieder zusammen auf der Berlinale: mit dem Film "Blue Moon".

Im Zentrum steht Lorenz Hart, der zusammen mit Richard Rodgers in den 20er und 30er Jahren für die Songtexte vieler Broadway-Musicals verantwortlich war. Hart schrieb die Texte, Rodgers die Melodien - unter anderem für berühmte Songs wie "Isn’t it romantic" oder "Blue Moon". Nach 28 Musicals und rund 500 Songs zerbrach ihre kreative Partnerschaft - vor allem wegen Harts Alkoholproblemen.

Der Film spielt wenige Monate vor Harts Tod, am Tag der triumphalen Premiere eines der größten Musicals aller Zeiten: "Oklahoma!", das den Anfang der überaus erfolgreichen Zusammenarbeit von Rodgers mit Oscar Hammerstein markierte, die gemeinsam unter anderem Klassiker wie "The King and I" und "The Sound of Music" erschufen.

Von der One-Man-Show zur Premierenparty-Gesellschaft

Ethan Hawke und Richard Linklater sind ein eingespieltes Team, "Blue Moon" ist ihre fünfte Zusammenarbeit. Doch zum ersten Mal spielt Hawke keine vom Regisseur erfundene, sondern eine reale Figur.

Richard Linklater ist ein Regisseur, der immer wieder neue und überraschende Wege geht. Die Verfilmung dieses Stoffs ist Ausdruck seiner großen Liebe zu den 30 und 40er Jahren, zu dieser Form des musikalischen Handwerks. Bei der Berlinale-Pressekonferenz sagte er, dass er einen Film machen wollte, der ein bisschen so wie ein Rogers and Hart-Song ist: "Schön und traurig und lustig. Alles zusammen."

Das Projekt hat Linklater schon seit 12 Jahren auf dem Schirm, aber er fand lange Zeit, dass Hawke viel zu jung und attraktiv sei, um diesen etwas kläglichen, zerrütteten Mann verkörpern zu können. Tatsächlich ist Hawke auf den ersten Blick kaum zu erkennen: richtig unansehnlich mit einer von pomadigen Haaren überklebter Glatze, speckig schwitzender Haut und gehemmt-verklemmter Haltung. Ethan Hawke macht die Minderwertigkeitskomplexe, unter denen Hart litt, auch wegen seiner kleinen Körpergröße bis in die letzte Pore spürbar, lässt sich zugleich aber auch seine eloquente, bissige Wortgewandtheit auf der Zunge zergehen. Auf der Pressekonferenz hat er das toll beschrieben: Hart sei sehr klein, aber auch ganz groß gewesen. Ein Liebender, aber auch zutiefst einsam, extrem unsicher - aber auch übertrieben selbstbewusst.

All diese menschlichen Widersprüche breitet er dann auch aus an diesem einen Abend, der wie eine One-Man-Show mit Barmann (Bobby Cannavale) beginnt und im Verlauf des Abends mit immer mehr Menschen zur großen Party für das Musical "Oklahoma!" anwächst, die aber auch eine Demütigung für Hart ist.

Eine fließende Lebendigkeit

Bei Linklater-Filmen denkt man eher an das ganz reale Leben auf den Straßen texanischer Kleinstädte oder auf Spaziergängen durch Wien, Paris oder New York. "Blue Moon" ist ein Kammerspiel in einem New Yorker Restaurant. Wie geht er da filmisch heran? Das wirkt auf jeden Fall nie wie ein steriles, in sich geschlossenes Theaterstück, sondern sehr lebendig und fließend, choreografisch - fast wie ein Flashmob, bei dem immer mehr Menschen dazukommen und sich in die Gesamtchoreografie einfügen. Der Film hat da auch die Qualität eines Musicals: mit ständigen Wechseln von Tempo und Stimmung. Dazu kommen die wirklich großartigen Dialoge von Drehbuchautor Robert Kaplow, mit dem Linklater auch schon bei "Me and Orson Welles" zusammengearbeitet hat. Die Sprache ist da immer so etwas wie der Zauberstab von Hart. Auch wenn immer Bitterkeit und Einsamkeit mitschwingen, bleibt sie seine Superkraft, die auch "Blue Moon" beflügelt.

Dazu kommt dann auch die grandiose Besetzung. Neben Ethan Hawke spielen Adam Scott als Richard Rogers, Bobby Cannavale als Barmann im Restaurant und Margaret Qualley als Elizabeth Weiland, in die Hart verliebt ist und auf deren Briefwechsel mit ihm der Film basiert.

Eskapismusvorwurf als Selbstverteidigung

Linklater ist ein Regisseur, der in seinen Filmen immer die Schwingungen der Realität aufgenommen hat. Im Vergleich dazu sind die Broadway-Musicals, um die es hier geht, reiner Eskapismus. Genau das klagt Hart im Film an: Für ihn ist "Oklahoma!" der Verrat an der wahren Kunst des Theaters, was zugleich aber auch sein Abwehr- und Verteidigungsmechanismus ist, als Texter, der eine tragische, gerade abservierte Figur ist und am Anfang des Films halb tot in der Gosse liegt. Linklater allerdings hat sich nie ans Hollywood-System angebiedert, ist immer seinen individuellen Weg gegangen und hatte damit auch Erfolg.

Anke Sterneborg, radio3

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