Katja Petrowskaja: Als wäre es vorbei © Suhrkamp
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Texte aus dem Krieg - Katja Petrowskaja: "Als wäre es vorbei"

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Ähnlich wie bei 9/11 können sich vermutlich auch beim 24. Februar 2022 die meisten erinnern, wo sie waren oder wie sie davon erfahren haben, dass Russland die Ukraine kriegerisch angreift. Heute vor drei Jahren, an einem Donnerstag, ging dieser Krieg los. Er hat unendlich viel Leid hinterlassen und die Welt und viele Einzelne verändert. Was er mit Katja Petrowskaja gemacht hat, das beschreibt die Schriftstellerin in ihrem gerade erschienenen Buch "Als wäre es vorbei".

Eines der vielen eindrucksvollen Fotos in diesem Band zeigt einen kleinen Jungen. Er steht in einer Menschenmenge in Cherson, kurz nachdem die ukrainische Armee die Stadt von den russischen Besatzern zurückerobern konnte. Es ist eigentlich ein Freudenfest. Doch die Menschen in dicken Jacken und Mützen schauen eher skeptisch in eine unsichere Zukunft. Der Junge im Zentrum blickt direkt in die Kamera des Fotografen. Sein Alter ist seltsam unbestimmbar, schreibt Katja Petrowskaja dazu, "man ahnt schon den Mann und den Greis in ihm". Dazu fällt ihr der Junge in Elem Klimows Kriegsdrama "Komm und sieh" über den deutschen Vernichtungskrieg im Osten ein, der ein ähnlich altersloses Gesicht hatte, weil er zu viel sehen musste. "Komm und sieh" hat Petrowskaja also ihren Text zu diesem Foto überschrieben.

Jedes Bild lässt viele andere weg

Ums Sehen und Erzählen geht es in all diesen Foto-Kolumnen, die zwischen Februar 2022 und Oktober 2024 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschienen sind. Seit Februar 2022 sind das für die in Kiew geborene und in Berlin lebende Katja Petrowskaja Ansichten des Krieges. Etwas anderes ist kaum noch möglich. Der Krieg ist totalitär. Er duldet nichts anderes neben sich. Petrowskaja zitiert Brechts Gedicht über die Zeiten, in denen ein "Gespräch über Bäume fast schon ein Verbrechen ist". Sich anderen Gegenständen zuzuwenden würde bedeuten, zu verschweigen, was drängender wäre. Das gilt selbst für ihre Bildauswahl. Jedes Bild lässt viele andere weg. Petrowskaja vermeidet Bilder von Trümmerlandschaften, Bilder von Toten und versucht, die Reste von Alltagsnormalität zu erfassen und den Menschen eine Würde zu lassen. Aber sie fragt sich dabei, ob sie das nur tut, um sich selbst das Schrecklichere zu ersparen. Andererseits: was könnte ergreifender sein als die weinende alte Frau mit Wollmütze während der Evakuierung aus ihrem Dorf?

Fast schon ein Geschichtsbuch

Fotos sind Momentaufnahmen, festgefrorene Augenblicke in der Zeit. Das gilt auch für die Texte Petrowskajas, die versuchen, hinter der Oberfläche des Sichtbaren die zugehörigen Geschichten aufzuspüren und zugleich dokumentieren, was die Bilder in der Autorin auslösen. In Buchform verwandeln sich die Einzelansichten in ein fortlaufendes Tagebuch des Krieges. Dem Stillstand der Zeit, die jedes Foto bedeutet, korrespondiert ein Schnelldurchlauf durch die Ereignisse von Monat zu Monat. Das führt vom Schock des Kriegsbeginns über die Wut und das Entsetzen der ersten Zerstörungen hin zum Versuch, zu verstehen und zum Kampf gegen die einsetzende Gewöhnung an das Grauen. Grundiert ist jeder Text von der Sorge um all die Freundinnen und Freunde, die dort leben.

Was schon einzeln schwer zu ertragen ist, wirkt nun im Zeitraffer mit geballter Wucht. Es entsteht eine Chronik des Kriegs, fast schon ein Geschichtsbuch, weil die Ereignisse und auch die Gefühle, die sie auslösen, schnell in Vergessenheit geraten, durch neue überlagert werden und deshalb aktiv erinnert werden müssen. Man braucht nur die Ortsnamen aufzuzählen, die nach und nach eine Rolle spielen: Butscha, Irpin, Bachmut, Isjum, Soledar …

"Als wäre es vorbei" heißt Petroskajas Buch, weil nichts vorbei ist. Die Geschichtsschreibung und das Erinnern haben aber längst eingesetzt. Ihre Kolumnen haben sich seit ihrer aktuellen, dreiwöchigen Erscheinungsweise in historische Dokumente verwandelt.

Jedes einzelne Bild ist eine Herausforderung

Petrowskaja schreibt im Bewusstsein, dass das Schreiben nichts ist und nichts bedeutet gegenüber all den konkreten Versuchen zu helfen. Immer wieder sind es deshalb Helfende, die ihr auf den Bildern – viele davon auf Instagram gefunden – begegnen. Da ist eine junge Frau mit Helm, die einer verschrumpelten Alten, die in einem Bett liegt, die Hand reicht, dann aber die Kamera auf sich selbst richtet, so dass ihr Blick auf die Alte zu sehen ist. Oder ein verwundeter Soldat mit Kopfverband, der gestützt wird auf dem Weg ins Lazarett. Dem Sehen korrespondiert immer auch das Gesehen werden. Der Vorgängerband, Petrowskajas Kolumnen aus den Jahren 2015 bis 2022, also aus einer Zeit, als der ferne Krieg im Donbas hierzulande noch ein Gerücht war, hieß deshalb "Das Foto schaute mich an". Jedes einzelne Bild ist eine Herausforderung, weil es die Frage stellt: Reicht es aus, zu schreiben? Was tun wir gegen den Krieg? Und wie ist dieses Elend jemals zu beenden?

Damals bezeichnete Petrowskaja das Schauen (und das Schreiben darüber) als einen "Akt des Waffenstillstands". Jetzt ist daraus ein Kampf geworden, in dem es von Bild zu Bild und von Kolumne zu Kolumne um das Menschliche geht. Um Momente der Solidarität. Um das Beharren auf Schönheit und Liebe, auch wenn klar ist, dass das aus westlicher, sicherer Perspektive auch etwas Luxuriöses hat. Das muss man eben aushalten. Und sich den Ansichten des Krieges, die Katja Petrowskaja präsentiert, aussetzen, auch wenn das extrem schmerzhaft ist.

Jörg Magenau, radio3

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