Oliver Lovrenski: bruder, wenn wir nicht family sind, wer dann © Hanser Berlin
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Roman - Oliver Lovrenski: "bruder, wenn wir nicht family sind, wer dann"

Bewertung:

XXX

Bitte schön, testen Sie doch mal Ihre street credibility! Welche der folgenden Drogen gibt es in Wirklichkeit gar nicht: alk, speed, g, molly, kristall, keta, pilze, 2cb, koks?

Nun, es gibt sie alle. Und alle stehen auf dem wöchentlichen, wenn nicht täglichen Drogen-Speiseplan von Marco, Jonas, Arjan und Ivor, vier Jungs mit ausgeprägtem Migrationsvordergrund aus den graueren Vierteln Oslos. Ivor erzählt ihre Geschichte. Und zwar in Kleinschreibung, ganz ohne Punkte, Kommata eher wechselhaft gebrauchend. Er erzählt die Geschichte in Abschnitten, die teils nur zwei, drei oder vier Zeilen auf einer Seite füllen. Übrig bleibt sehr viel Weiß ... Als stünde es für die Drogenräusche, in denen die Jungs total weg sind vom Fenster jeder Erkenntnis und Selbsterkenntnis.

Auf- und Abstieg in der Drogen- und Kriminellenszene Oslos

Ihr Aufstieg ist ihr Abstieg – und umgekehrt: Während sie zu immer größeren Nummern in der Drogen- und Kriminellenszene der Stadt aufsteigen, während sie ihre Messer und Dolche um Pistolen ergänzen, während ihr Raubzüge auf Partys und Gehwegen und in jeder Art von Läden immer selbstverständlicher werden, während sie als Dealer immer mehr "para" (Geld) haben, während Marco derart wahllos "chayas" (Mädchen, junge Frauen) vögelt, dass er irgendwann stets mehrere Päckchen mit Pillen danach bei sich trägt, während all das geschieht, konstatiert Ivor in lyrischer Depri-Laune: "ich verlier mich, mit jedem tag der vergeht verschwinde ich wie sand aus deiner hand"

Verlorenheit

Das Wissen um die eigene Verlorenheit ist das eine. Das andere ist das Wissen darum, dass in ihrer Verlorenheit immer wieder verlässlich schimmernder Glanz aufscheint – sobald nämlich der Stoff wirkt. Als die Jungs einmal die Liste der Bekannten durchgehen, die eine Überdosis dahin gerafft hat, meint Jonas: "das ist bestimmt die beste art zu sterben, überdosis, vielleicht kommen wir hinterher in die hölle, aber immerhin sterben wir im himmel"

Jonas stottert, sein Vater verprügelt ihn regelmäßig, überhaupt entsprechen die Familien der Vier erwartbarerweise keinem biederen Ideal. Was nicht heißt, dass es nicht Inseln ausgeprägter Verwandtschaftsliebe gibt. Ivor liebt seine "baba" (Oma), die früh im Buch stirbt; Jonas liebt seine baba ebenfalls; umso tragischer, dass der Herzinfarkt, den sie nicht überlebt, mutmaßlich viel mit dem Lebenswandel ihres Enkels zu tun hat.

Ein fragmentarisch-abgerissener Roman von stupender Intensität

"bruder, wenn wir nicht family sind, wer dann" ist ein fragmentarisch-abgerissener Roman von stupender Intensität. Manchmal erblühen zärtliche Gefühle wie Schafgarben auf einer zugemüllten Brache. Ivor lernt Ayla kennen – eine "arab" –, er ist verliebt, er steht auf Romantik. Aber Ayla, um Jahre älter, lernt schnell, dass Ivor unheilbar der ist, der er ist, ein Gefangener zwischen Drogen und Gewalt: "ivor, ich liebe dich, aber ich kann nicht mehr es ist schluss"

Ein naheliegender Schluss. Denn Ayla studiert, Ayla hat einen Plan vom Leben, sie hat einen Plan vom Glück. Ivor hat, spätestens als Ayla weg ist, nichts dergleichen. Außer eine Wunde im Herzen. So wie sie auch.

Restlos beeindruckende Übersetzung

Lovrenski schreibt von (fast) ganz unten. Er kontrastiert die Migranten-Szene Oslos mit den "kartoffeln" aus den besseren Vierteln, in denen die Jungs manchmal auf Partys auftauchen, mit Drogen im Blut, mit Drogen zum Verticken in der Jacke, notorisch in brutale Bambule verstrickt, deretwegen viele Partys crashen, Blut, Tod und Polizei inklusive. Ivor wollte mal Anwalt werden, mal Boxer, längst weiß er: Er wird nichts, nichts Bürgerliches jedenfalls. Aber er erhebt, von der szene-üblichen Verachtung für Jugendamt, Sozialarbeiter, Polizisten, Lehrer etc. abgesehen, keine pauschale Anklage gegen die Gesellschaft. Nur dass er in der Schule lange unterfordert war und deshalb Lust auf die schiefe Bahn bekam, rubriziert er als Fremdverschulden an seinem Schicksal. Das meiste aber geht auf seine Kappe. Ob aus Trotz oder nicht: Er will, was er tut. Immerhin träumt er gelegentlich davon, wie es wäre, wenn er nicht wollen würde, was er will. Es wäre ja vielleicht doch besser. Aber auch als manches Unheil die Viererbande sprengt, konvertiert er nicht in die Konventionen.

Norwegisch müsste man können. Dann ließe sich genauer verstehen, wie Karoline Hippe die restlos beeindruckende Übersetzung des Romans hinbekommen hat. "outsiderchabo", "mäcces", "ich so aight", "prankt" und "dropt", "jetten" und "dumpen", die Jungs wollen keine "spacken" sein, bekommen ein "fettes silent treatment“"... Jede Menge Slang also, vermischt mit Fremdsprachen, darunter Somali und Kroatisch. Das Glossar am Ende hilft weiter, aber nicht über jede Verständnishürde hinweg. Trotzdem glaubt man gern, dass die Jungs in Oslos Problemzonen so quatschen. Und das Ganze wirkt, wie vom Autor so oder ähnlich selbst erlebt.

Ein Buch von netflixtauglicher Qualität

Allein, Oliver Lovrenski hat keine ausgeschmückte Autobiografie geschrieben. Sein Roman mag nah am Leben der Straßenjugend in Norwegens Hauptstadt sein, allzu dicht an seinem eigenen Leben ist es deshalb noch nicht. Anders als Ivor wuchs Lovrenski keineswegs vaterlos auf: Sein Vater ist der in Norwegen und bei Wikipedia bekannte Poet und Übersetzer Havard Rem, der im bevorzugten Westend Oslos wohnt, dem Stadtteil, in dem die Roman-Jungs "kapitalchayas" treffen. In Norwegen und im Netz gab/gibt es eine Diskussion darüber, ob Lovrenski – zumal mit Blick auf die Vermarktung, die ihn als harten Bruder zeigt – nicht deutlich mehr street credibility beansprucht, als er tatsächlich hat. Für die unbedingt auch netflixtaugliche Qualität des Buches spielt das jedoch kaum eine Rolle.

Marco, Jonas, Arjan und Ivor hassen es, von irgendwelchen Spießern belehrt zu werden. Als aber ein Junkie Ivor vom Tod eines anderen Junkies erzählt, den Ivor früher gekannt hat, macht ihn das fertig und er akzeptiert die Belehrung, die ihm der Junkie ins Gesicht sagt – eine Belehrung, die sich auch alle merken dürften, die in Lovrenskis Buch nach einer pädagogisch wertvollen Botschaft suchen: "du liebst die straße, aber die straße liebt dich nicht"

Arno Orzessek, radio3

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