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Drama - "Mond"

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Im Jahr 2022 wurde Kurdwin Ayubs Film "Sonne" auf der Berlinale als bester Erstlingsfilm ausgezeichnet. 2024 lief der zweite Teil ihrer geplanten Trilogie in Locarno und bekam den Spezialpreis der Jury. Jetzt kommt "Mond" in unsere Kinos.

Erzählte "Sonne" von einer österreichischen Familie, geht es in "Mond" zunächst um eine Einzelkämpferin: Sarah. Sarah ist hart im Nehmen, sie will es wissen, das macht gleich die erste Szene des Films deutlich: Wir sehen die Endphase eines Martial Arts Kampfes, bei dem Sarah unwiderruflich unterliegt. Das Ende ihrer Karriere. Was bleibt, ist nicht viel.

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Jobangebot aus Jordanien

Sarah lebt alleine in ihrer etwas heruntergekommenen Ein-Zimmer-Wohnung in Wien, hat wenige Freunde, mit denen sie sich etwas zu sagen hat. Wichtig ist ihr allein ihre Schwester, die aber hat gerade ein Baby bekommen und richtet sich in ihrem bürgerlichen Leben ein, in dem für Sarah kein Platz mehr ist. Die hält sich also mehr schlecht als recht und eher freudlos mit Trainerinnen-Jobs über Wasser. Dann aber kommt ein Jobangebot: aus Jordanien. Ein offensichtlich sehr wohlhabender Mann sucht für seine drei Schwestern eine Trainerin. Hotel und Verpflegung: alles inklusive. Und Sarah nimmt an, verlässt Österreich.

Culture-Clash ganz anders: Diese Mädchen leben mit ihrem Bruder und diversen Angestellten in einer riesigen Villa, die sie so gut wie nie verlassen. An Martial Arts haben sie kein Interesse, eigentlich an gar nicht: kitschige Soaps gucken, shoppen, Schönheits-OPs – das ist ihr Leben. Sarah ist machtlos, spielt mit, guckt mit Fernsehen, geht mit shoppen. Leiht ihnen ihr Handy, denn sie haben keins. Die Räume im ersten Stock darf sie nicht betreten, genauso wenig wie sie irgendjemandem draußen von dem, was sie bei dieser Familie erlebt, erzählen darf. Das musste sie unterschreiben. Langsam begreift Sarah, dass hier etwas nicht stimmt ...

Eine machtlose Kämpferin

Kurdwin Ayub spielt mit unseren Erwartungen. Um sie zu enttäuschen. Wir erleben den Blick der in ärmlichen Verhältnissen lebenden Europäerin auf patriarchale Strukturen einer ihr völlig fremden Kultur. Die Golfstaaten – das sind Länder mit viel Geld, großer Macht, da kann so eine kleine blonde Österreicherin, hat sie auch noch so viel Muskeln, gar nichts ausrichten. Sarah kommt als Arbeiterin in eine reiche Welt. Sieht sie, ohne das System dahinter zu erkennen. Sie ist eigentlich eine Kämpferin, sie hat gelernt sich zu wehren – und ist hier doch vollkommen machtlos. Machtlos gegenüber den Männern im Haus, die den Frauen alles verbieten, machtlos aber auch gegenüber diesen Mädchen, die sie zunächst nicht versteht, die letztlich viel kämpferischer sind als sie.

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Inspiriert von einer wahren Geschichte

Inspiriert ist der Film von einer wahren Geschichte – der missglückten Flucht von Prinzessin Latifa, Tochter des Premiers der Vereinigten Arabischen Emirate vor vier Jahren, deren finnische Personal-Trainerin ihr versuchte zu helfen. Eine wahre Geschichte, die man weltweit zur Kenntnis genommen hat: Es ist möglich, Frauen einfach wegzusperren. Ihnen ihre Freiheit zu nehmen. Aber niemand aber tut etwas.

Das zu zeigen, auch darum geht es der österreichischen Regisseurin in ihrem sehr beunruhigenden Thriller, den sie reduziert und eher kühl erzählt. Es ist eine Geschichte, in der Räume eine große Rolle spielen: das Training im fensterlosen Keller der pompösen Villa, das weiße Marmor-Treppenhaus in den verbotenen ersten Stock, das Fernsehzimmer mit weit entfernt stehenden riesigen Sofas, die unübersichtliche Einkaufsmall – all das spiegelt die Distanz der Figuren zueinander und auch ihre Verlorenheit.

Ein starker Film, getragen von der Performance-Künstlerin Florentina Holzinger

"Mond" ist ein unglaublich starker Film mit der Performance-Künstlerin Florentina Holzinger in ihrer allerersten Rolle als Schauspielerin. Sie trägt diesen Film ohne ein Lächeln, angespannt und in sich zurückgezogen. Eine Frau, die nicht viel will, aber einen großen Gerechtigkeitssinn hat.

Aktuell läuft noch bis April das erste Theaterstück "Die weiße Witwe" von Kurdwin Ayub an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, für die Florentina Holzinger als künstlerische Beraterin von Matthias Lilienthal engagiert wurde. Man darf sehr gespannt sein auf alles, was kommt von den beiden. Einzeln und womöglich zusammen.

Christine Deggau, radio3

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